1. Preis | Wohnen im Ortskern

Hannover-Davenstedt

In Zusammenarbeit mit Office03

 

Städtebauliche Idee

Das Gemeindeareal befindet sich im Ortskern von Davenstedt. Davenstedt wurde 1970, nachdem es bereits seit 1920 ein Ortsteil von Linden war, in die Stadt Hannover eingemeindet. Im Bestand befindet sich das Kirchenzentrum St. Johannes in einem parkähnlichen Gelände. Zwischen den Straßen Altes Dorf und Langrederstraße sowie einem Fußweg im Süden liegen die Evangelisch-lutherische St.-Johannes-Kirche mit Büro- und Gemeinderäumen aus dem Jahr 1988 in räumlicher Nähe zu den Gebäuden des Gemeindehauses und des Pfarrhauses aus dem Jahr 1966.

Die Bestandsbauten des Pfarrhauses und des Gemeindehauses bilden mit ihrem Fußabdruck die äußersten Rahmenbedingungen der neuen städtebaulichen Setzung. Die Neubauten orientieren sich an diesen äußeren Linien und verschwenken innerhalb des Baufeldes um die bestehenden großkronigen, schattenspendenden Bäume. Dadurch entsteht ein harmonisches Ensemble. Der offene Innenhof mit Aus- und Durchblicken bildet dabei das landschaftliche Pendant zum steinernen, roten Eingangshof der Kirche.

Hochbauliches Entwurfskonzept

Prägend für das Ortsbild sind die vitalen Bestandsbäume. Esskastanien, Ebereschen, Walnussbäume, Eichen, Hainbuchen und Kirschbäume bilden einen grünen Rahmen für eine weitgehend von den Straßenführungen losgelöste Entwicklung des Geländes. Die drei Gebäude stehen als freistehende Baukörper in der Parklandschaft. Grundlage ihrer Positionierung sind die Kronen- und Wurzelräume der Bäume sowie die Fundamente und Bodenplatten der Bestandsgebäude.

Die Gebäude weisen eine besondere Zweiseitigkeit auf: Auf der einen Seite treten sie zweigeschossig, auf der anderen dreigeschossig in Erscheinung. Dadurch wird eine wirtschaftliche und zugleich städtebaulich verträgliche Entwicklung ermöglicht. Die Bebauung fügt sich in die Eigenart der Umgebung ein. Die zweigeschossigen Gebäudeteile orientieren sich nach außen und reichen teilweise bis unter die Randbereiche großkroniger Bäume. Sie vermitteln zwischen Gebäude und Umgebung. Diese Fassaden werden mit vorgehängten Ziegelfassaden gestaltet, die durch begrünte Seilkonstruktionen eine zeitgemäße und wirtschaftliche Weiterentwicklung erfahren und sich zurückhaltend in das Parkkonzept integrieren.

Nach innen formen die Gebäude einen dreigeschossig gerahmten, grünen Erschließungshof. Die anthrazitfarbenen Holzfassaden erzeugen dabei einen landschaftlichen Charakter. Der Hof dient als Ort der Begegnung und stärkt das Wohnen im Park.

Die Gebäude bestehen aus drei Geschossen: dem Erdgeschoss mit den Eingängen, dem ersten Obergeschoss mit jeweils drei Wohnungen sowie dem zweiten Obergeschoss als Staffelgeschoss mit jeweils zwei Wohneinheiten. Die einfachen Baukörper sind flexibel aufteilbar, sodass der Wohnungsmix an den jeweiligen Bedarf angepasst werden kann. Im größten Baukörper, der von öffentlichen Räumen umgeben ist, befindet sich die Praxis einer Kinderärztin mit eigenem Patientengarten im Park. Dieser Garten ist von der Anmeldung aus einsehbar. Eine spätere Umnutzung der Praxis zu Wohnzwecken ist möglich.

Baurechtlich sind die Gebäude zweigeschossig und in einer den Kirchengebäuden von Karl-Heinz Muth verwandten Architektursprache entwickelt. Die Staffelgeschosse erhalten Pultdächer. Die Materialität aus roten Ziegeln für Dach und Fassade wird durch hinterlüftete Ziegelfassaden und Solarziegelsysteme zeitgemäß weiterentwickelt.

Abgesehen von einer Wohneinheit sind alle 19 Wohneinheiten förderfähig konzipiert. Im Erdgeschoss befinden sich außerdem zwei rollstuhlgerechte Wohnungen.

Die Freianlagen umschließen die drei Baukörper zu einem zusammenhängenden Park, der den vorhandenen Großbaumbestand integriert und die Qualitäten des Ortes hervorhebt. Der zentrale Erschließungsweg wird bewusst zurückhaltend gestaltet. Er dient sowohl der Erschließung der Gebäude als auch als Verbindung zwischen Straße und Kirche. Diese Doppelfunktion wurde bewusst gewählt, um die versiegelten Flächen auf ein Minimum zu reduzieren.

Für nachbarschaftliche Begegnungen entstehen zwei kleine Plätze: Einer mit Sitzgelegenheiten und Raum für kleinere Feste, der andere mit einem Spielbereich.

Das anfallende Regenwasser wird vollständig auf dem Grundstück zurückgehalten. Die Freianlagen werden so gestaltet, dass sich an mehreren Stellen Mulden ausbilden, in denen das Regenwasser der Steildächer gesammelt, versickert und verdunstet. Dadurch wird das Mikroklima nachhaltig verbessert.

Räumlich-organisatorische Beziehungen

Grundlage des Entwurfes ist die attraktive stadträumliche Verbindung zwischen dem Parkplatz entlang der Langrederstraße, der zwischen zwei bestehenden 40 bis 100 Jahre alten Hainbuchen liegt, dem Kircheneingang und der Straße Altes Dorf.

Der Entwurf differenziert die Gebäude nach innen und außen. Die Eingänge der drei Gebäude reihen sich entlang des Weges auf und bilden kleine Erschließungstaschen. Die überdachten Eingangsbereiche schaffen halböffentliche Räume, von denen aus die Treppenhäuser erschlossen werden. In diesen Bereichen sind jeweils Sitzgelegenheiten und Fahrradabstellmöglichkeiten vorgesehen.

Haus 1 besitzt eine Grundfläche von 15 × 20 Metern. Im Erdgeschoss befindet sich die Praxis der Kinderärztin, während die Sozialräume im ersten Obergeschoss untergebracht sind. Haus 2 und Haus 3 sind nahezu baugleich mit einer Breite von 13,10 Metern und Längen von 20,00 beziehungsweise 21,00 Metern.

Die Wohnungen werden über Treppenhäuser erschlossen, die im Dachgeschoss an die Außenfassade grenzen und dadurch gut entlüftet sowie entraucht werden können. Die Grundrisse sind flexibel gestaltbar: Von einer einzelnen Wohnung mit Cluster-Sonderwohnform pro Geschoss bis hin zu fünf kleineren Wohneinheiten sind unterschiedliche Wohnkonzepte möglich, die sich im Holzbau auch problemlos kombinieren lassen.

Umgang mit dem Bestand

Das Pfarrhaus und das Gemeindehaus wurden 1966 in der damals innovativen Elementbauweise mit 100 Millimeter starken Holzrahmenkonstruktionen errichtet. Aufgrund veränderter Nutzungsanforderungen und energetischer Defizite ist ein Erhalt der oberirdischen Gebäudestrukturen weder wirtschaftlich noch technisch sinnvoll.

Die Elementbauweise bietet jedoch durch ihre modulare und standardisierte Struktur erhebliche Vorteile für den Rückbau. Die Bauteile lassen sich präzise trennen, sodass die übliche Praxis eines ungeprüften Totalabrisses hinterfragt werden kann. Im Sinne des Kreislaufwirtschaftsgesetzes wird das Vorhaben daher als selektiver und substanzschonender Rückbau umgesetzt. Ziel ist es, die graue Energie der vorhandenen Materialien zu erhalten und CO₂-Emissionen durch die Einsparung von Primärbaustoffen zu reduzieren.

Direkte Wiederverwendung (Reuse)
Die in Dachstühlen und Deckenkonstruktionen verbauten Hölzer werden möglichst zerstörungsfrei demontiert. Nach Qualitäts- und Schadstoffprüfung werden sie einer direkten Wiederverwendung als tragende oder gestalterische Bauteile zugeführt.
Die Weiternutzung bestehender Fundamente und Bodenplatten wird intensiv geprüft. Sofern die statischen Voraussetzungen erfüllt sind, verbleiben diese Bauteile im Boden und dienen als Grundlage für die Neubauten.

Zuführung zum Baustoffkreislauf (Urban Mining)
Gut erhaltene Elemente der Gebäudehülle oder Tragstruktur werden katalogisiert und über regionale Baustoffbörsen für andere Bauvorhaben zur Wiederverwendung angeboten.

Sortenreine Trennung und Materialrecycling
Die Gebäude werden von innen nach außen entkernt. Eventuell vorhandene Schadstoffe werden vorab fachgerecht saniert und entsorgt.
Beton- und Ziegelbestandteile, Metalle, Kunststoffe und Glas werden bereits auf der Baustelle konsequent voneinander getrennt.
Anfallender Betonbruch aus der Elementbauweise wird zu Recycling-Gesteinskörnung aufbereitet und dem regionalen Baustoffkreislauf wieder zugeführt.

Ideenteil Flurstück 27/24

Der Kirchengarten bietet Raum für vielfältige Veranstaltungen wie Gartencafés, Jugendgruppenangebote, Kinoabende, Gemeindefeste, Lesungen oder Konzerte. Diese Nutzungen profitieren von einer erhöhten Privatheit. Daher wird bewusst auf einen zusätzlichen Fußweg durch das Gelände verzichtet. Stattdessen wird der Garten durch dichte Randbepflanzungen gefasst und durch kreissegmentförmige Heckenkörper räumlich gestärkt. Diese schaffen zugleich Möglichkeiten zum Spielen und Toben zwischen den Pflanzstrukturen. Der bestehende öffentliche Fußweg südlich des Grundstücks wird ergänzend aufgewertet.