Anerkennung | Neugestaltung Freiflächen am Informationszentrum Mathildenhöhe
Darmstadt
Die Blaue Mathilde – Natur als Galerie
Das neue Informationszentrum der Mathildenhöhe erhebt sich als Solitär im Park, eingebettet in die historische und kulturträchtige Umgebung und bildet zugleich einen zentralen Bezugspunkt innerhalb der Grünachse zwischen der Altstadt, der Erich-Ollenhauer-Promenade und dem Grünzug Rosenhöhe. Der Entwurf hat den zentralen Gedanken, einen maximalbegrünten Ort zu schaffen, er Schatten und Verdunstungskühle für die Besucher spendet, sich im Laufe der Jahreszeiten verändert und ausreichend Fläche für Versickerung und Verdunstung bietet. Aufenthaltsflächen für kleine und große Gruppen entstehen sowohl auf als auch entlang der Grünflächen. Ein langes geschwungenes Wegeband, legt sich behutsam auf die großen Grünflächen und verbindet so die einzelnen Bereiche miteinander. Der Freiraum reagiert dabei sensibel auf die historischen, ökologischen und künstlerischen Anforderungen an den Ort und verbindet diese zu einem fließenden, harmonischen Erlebnisraum, der Besucher:innen auf unterschiedlichen Ebenen anspricht.
Die Wegeführung folgt einem organischen, geschwungenen Gesamtkonzept, das die Bewegung durch das Gelände natürlich und intuitiv leitet. Vom nördlichen Bereich über den Vorplatz des Informationszentrums, durch den bewaldeten Osthang bis hin zum Fiedlerweg entstehen direkte Anschlüsse, während zugleich eine harmonische Gesamtbewegung durch den Park entwickelt wird. Hauptwege führen zu den zentralen Nutzungen, Nebenwege eröffnen Rückzugsräume und kleinere Aufenthaltsorte und ermöglichen eine differenzierte Raumerfahrung. Die Wege im Osthang sind bewusst als barrierearme, feste „Waldwege“ ausgebildet und sensibel in die naturnahe Umgebung eingebettet. Zwischen ihnen bleiben großzügige, naturnahe Flächen – teilweise aus Rindenmulch – für temporäre Nutzungen, künstlerische Aktivitäten oder Veranstaltungen erhalten.
Das gestalterische Leitmotiv des Freiraums greift die künstlerische Tradition der Mathildenhöhe auf. Inspiriert von den Wandmosaiken der Anlage sowie von den Arbeiten der Künstlerin Nevin Aladag entsteht ein organisch-abstraktes Kompositionsprinzip, das Wege, Aufenthaltsflächen, Möblierung und Pflanzung miteinander verbindet. Die Freiflächen folgen einem malerischen, fließenden Muster, das Besucher:innen sinnlich durch den Raum führt. Die Möblierung aus leuchtend, blauem Corian setzt bewusste Kontraste, nimmt das tiefe Blau der Wandkunst innerhalb der Gebäude auf und erzeugt eine visuelle Spannung zwischen minimalistischen, geraden Elementen und der organischen, natürlichen Formsprache der Landschaft. Sitzblöcke, Loungemöbel und Bänke werden als gestalterische Skulpturen verstanden, die Funktionalität, Ästhetik und Aufenthaltsqualität vereinen.
Der Vorbereich des Informationszentrums fungiert als multifunktionaler Empfangsraum mit barrierefreien Zugängen vom Olbrichweg, sicheren Haltemöglichkeiten für Busse sowie Aufenthalts- und Begegnungsflächen für bis zu 100 Personen. Der Ateliergarten, als historisch bedeutender Teil der UNESCO-Welterbestätte, ist über eine Treppe im nördlichen Bereich sowie über eine barrierearme Zuwegung im Nordwesten direkt erschlossen. Auf diese Weise wird der Garten wieder erlebbar, seine historischen Strukturen bleiben ablesbar und die künstlerische Substanz des Ortes wird bewahrt. Zugänge zum Osthang sind sowohl nördlich als auch südlich des Informationszentrums sowie über den Olbrichweg und den Fiedlerweg vorgesehen und gewährleisten eine vielfältige Durchwegung sowie flexible Nutzungsmöglichkeiten.
Die Materialität der Freiflächen ist differenziert und fein aufeinander abgestimmt. Der Großteil der Wege besteht aus wasserdurchlässigen Materialien; lediglich der Hauptweg wird aus Gründen der Befahrbarkeit aus hellem Asphalt hergestellt. Die übrigen Wege im Vorbereich erhalten wassergebundene Oberflächen in einer Farbigkeit, die sowohl mit den Asphaltflächen als auch mit den bestehenden Wegen der Mathildenhöhe harmoniert. Der Vorbereich des Informationszentrums sowie der Bereich vor dem Ateliergarten sind mit einem Kleinsteinpflaster aus Naturstein gestaltet, das einen ruhigen Kontrast zur blauen Möblierung bildet. Der Ankunftsbereich für Reisebusse ist als kiesgebundene Fläche ausgebildet und fügt sich farblich in das Gesamtkonzept ein.
Besondere Gestaltungselemente bereichern die Aufenthaltsqualität und schaffen Raumerlebnisse für alle Sinne. Vor dem Ateliergarten erinnert ein Wasserelement an das historische Wasserbecken; ergänzend erzeugen Wasseraustritte aus der Mauer ein sanftes Plätschern, das Ruhe und Verweilen fördert. Im Osthang bietet ein zentral angeordnetes Holzdeck Raum für multifunktionale Nutzungen, während der Großteil der Fläche für temporäre künstlerische Aneignung und Veranstaltungen offenbleibt. Trampelpfade sowie punktuell positionierte Sitzblöcke führen durch das dichte Grün, stärken die Verbindung zur Natur und eröffnen wechselnde Perspektiven in die Waldfläche.
Die Freianlagen differenzieren sich bewusst funktional und atmosphärisch: Der westliche Vorbereich ist repräsentativ, beschattet und vielseitig nutzbar, während der Osthang naturnah, kleinklimatisch wirksam und als Rückzugs- und Erlebnisraum erhalten bleibt. Die Beleuchtung ist im Vorbereich zurückhaltend und warm geplant. Der Osthang bleibt bewusst unbeleuchtet, um seinen natürlichen Charakter zu bewahren und die Tiere im Dunklen zu schützen. Lediglich temporäre Beleuchtungen bei Veranstaltungen sind gewünscht.
Die Sichtachsen und Blickbeziehungen der Mathildenhöhe bleiben vollständig erhalten, sodass der außergewöhnliche universelle Wert der UNESCO-Welterbestätte respektiert wird. Bauliche Elemente des Ateliergartens werden denkmalgerecht instandgesetzt, Pergolen und Mauern restauriert und nicht eindeutig belegte Elemente im Sinne einer kritischen Rekonstruktion ergänzt. Barrierearme Zugänge gewährleisten ein harmonisches Zusammenspiel historischer und zeitgenössischer Nutzungen.
Die Stellplätze sind bewusst zurückhaltend und gestalterisch unauffällig integriert. Entlang des Olbrichwegs befinden sich drei barrierefreie PKW-Stellplätze in angemessener Entfernung zum Eingang sowie 30 zentral gelegene Fahrradstellplätze und ein Mobilitätsstandort, die als Teil der geschwungenen Freiraumgestaltung wahrgenommen werden. Auf diese Weise wird nachhaltige Mobilität gefördert, ohne den historischen oder landschaftlichen Charakter zu beeinträchtigen.
Entlang des Olbrichwegs wird im Ideenteil eine grüne Leitidee entwickelt, die den historischen Straßenraum als integralen Bestandteil des Freiraums der UNESCO-Welterbestätte versteht. Straßenverlauf und Profil bleiben ablesbar, historische Materialien werden aufgenommen und in einen niveaugleichen, verkehrsberuhigten Raum überführt. Der Bereich zwischen Fiedlerweg und Lucasweg verknüpft Wege- und Grünstrukturen und stärkt die Verbindung zwischen dem westlichen Teil der Mathildenhöhe und dem Wettbewerbsgebiet. Orientierung entsteht nicht über Beschilderung, sondern über räumliche Klarheit, Blickbeziehungen und grüne Leitelemente. Ergänzend entsteht im nördlichen Bereich auf der vormals komplett versiegelten Fläche, ein grüner Freiraum mit hoher Aufenthaltsqualität, der die durchgehende Grünachse zwischen Altstadt und Rosenhöhe stärkt. Die starke Reduzierung der befestigten Flächen verbessert das Mikroklima erheblich.
Durch die Verzahnung von Architektur, Kunst und Landschaft, die Berücksichtigung des Baumbestands, die Vernetzung bestehender Biotopstrukturen und die fein abgestimmte Materialität entsteht ein Freiraum, der historische Tiefe und künstlerische Qualität in Einklang bringt. Die Mathildenhöhe wird als malerisches Gesamtkonstrukt erfahrbar, in dem Vegetation, Licht, Wasser, Material und Farbe eine atmosphärische Verbindung von Natur und Kunst eingehen.









